Daten sind nicht die Realität. Die Menschen sind es.

Die schnellsten Rechner der Welt, Superspeicher, die ein Mehrfaches des Weltwissen speichern können und komplexe Algorhitmen, die Daten aus Apps, Telefonaten und Internetseiten zusammenführen: Man könnte den Eindruck gewinnen, das Aushorchen von NSA, GCHQ und Co. sei ein rein technischer Vorgang. Tatsächlich aber steckt hinter jeder Suchanfrage ein Mensch. Und der ist die größte Gefahr für die Freiheit derer, um deren Daten es geht. Das Editorial der aktuellen Ausgabe der Computerzeitschrift „ct“ entwirft einige Missbrauchszenarien, die alles andere als unrealistisch sind. Ich empfehle den ganzen Artikel zu lesen, zitiere hier aber die Kerngedanken:

Ein Mitarbeiter könnte am finanziellen Abgrund stehen, erpressbar sein und mal eben sämtliche Wohnorte von urlaubenden Superreichen herausfiltern. Ein anderer könnte pathologischer Stalker sein, der die Bewegungen seiner Angebeteten überwacht, um den passenden Moment zum Zugriff zu finden. Beim BND sitzt vielleicht gerade ein unerkannter Neonazi am XKeyscore-Terminal der NSA, um Ziele für Brandanschläge gegen Flüchtlichsunterkünfte auszubaldowern.

Warum das keine Panikmache ist? Weil Edward Snowden als („angeblich gut durchleuchteter„) NSA-Angestellter auch Zugriff auf all diese Daten hatte!
Die Menschen bei der NSA sind der Grund, warum ich und viele Menschen uns Sorgen machen oder Sorgen machen sollten. Wer hierzulande sagt, er habe nichts zu verbergen, muss mit gutem Gewissen sagen können: Ich habe vor allen NSA-Mitarbeitern nichts zu verbergen. Wer ist so mutig?

Eine noch größere Gefahr als die Suchanfragen, die die Menschen vor den NSA-Rechnern eingeben, und die Antworten, die die Supercomputer ausspucken, sind für mich aber die Schlüsse, die die Geheimdienstler daraus ziehen: Wenn ein NSA-Mitarbeiter aufgrund von verknüpften Daten – sagen wir einer Email-Adresse, einer Kreditkartenbenutzung, dem Aufnahmeort eines Facebookfotos und Telefonat von hier nach da – zu dem Ergebnis kommt, bei dem Überwachten handele sich um einen Terroristen, oder um jemanden, der die NSA gefährden könnte… dann könnte das schlicht und ergreifend ein falscher Schluss sein. Wer daraufhin verhaftet wird oder nicht mehr in ein fremdes Land einreisen darf, weil seine Daten zwar stimmen, er aber ein gänzlich unbescholtener Bürger ist, ist ein Opfer dieser falschen Schlüsse. Und hat keine Chance herauszufinden, welcher Mensch ihm das eingebrockt hat.

Die NSA-Debatte ist oft eine technische Debatte. Auch auf diesem Blog geht es häufig um Server, Software und Smartphones. Aber Daten sind nicht die Realität. Die Menschen hinter diesen Daten sind es.
Es geht um Menschen, deren Leben im 21. Jahrhundert nun einmal Daten hinterlässt, und es geht um Menschen an den Geheimdienstterminals, die aus diesen teils illegal beschafften Daten versuchen „Leben zusammen zu setzen“, Realitäten zusammenzubauen, um vorauszusagen, was die Subjekte dahinter als nächstes tun. Weil wir Menschen (die meisten Amerikaner eingeschlossen) niemals unsere Einwilligung dafür gegeben haben, müssen diese wir unsere Daten schützen, um uns zu schützen.

Datenschutz ist Menschenschutz. Und Menschenschutz heißt konkret: Wir müssen persönliche Daten vermeiden, wo es geht. Wir müssen sie verschlüsseln, wo es geht. Wir müssen Dienste nutzen, wo wir die Daten kontrollieren können. Wenn uns die Politik alleine lässt, die die Algorhitmen der Geheimdienste stoppen könnte, müssen wir die Superrechner auf „Datendiät“ setzen.
Auf dass die Männer und Frauen vor den Supercomputern keine Antworten bekommen – und unsere Realität uns nicht aus den Händen genommen wird.

Deutsches Datenschutz Dilemma

Die US-Firma Frog bringt in einer Studie auf den Punkt, was das Dilemma der Datenschutz/NSA-Debatte ist: Niemand hat mehr Angst um seine Daten im Internet als die Deutschen. Doch ausgerechnet sie wissen auch am wenigsten darüber, was mit den Informationen passiert. Die Welt und der Harvard Business Review fassen die Ergebnisse gut zusammen.

Es ist paradox, wie wir Deutschen mit Daten umgehen. German Angst, gemischt mit Nichtwissen und Desinteresse. Das zu ändern ist eine Aufgabe für die Bildung – von der frühkindlichen und familiären Bildung über die Schulbildung bis zur Erwachsenenbildung – und damit für die Bildungspolitik. Es ist aber auch eine Aufgabe für die Wirtschafts- und Außenpolitik, denn die Angst vor Datenmissbrauch, die uns Deutsche quält, ist berechtigt: Kommerzielle und staatliche Datensammler müssen endlich auf die Einhaltung individueller Freiheitsrechte verpflichtet werden. Und die Geheimdienste müssen an die parlamentarische Kette.

Ernst gemeinte politische Bemühungen, die es tatsächlich in die eine oder andere Richtung gibt, werden jedoch meist zwischen Föderalismus, Diplomatie und Parteistrategie zerbröselt. Der Aufstand der Wähler bleibt aus, solange wir Deutschen kein Wissen über den Schutz unserer Daten haben – oder desinteressiert sind.
Genau, das wär’s: Ein richtig dicker Datenschutzskandal, bei denen hinter unserem Rücken alle Internet-, Smartphone- und Telefondaten ausgewertet werden und bei dem auch Spitzenpolitiker ausgehorcht werden – der würde uns bestimmt die Augen öffnen! Oder?