Gutjahr gemeint, aber…

Ich freue mich über die vielen Initiativen, die auf die Schutzbedürftigkeit der Privatsphäre hinweisen und für den Wert persönlicher Daten sensibilisieren.
An das Abkleben von Webcams denke ich dabei aber nicht, zumindest nicht als erste Maßnahme. Zwar hat der britische Geheimdienst GCHQ über Webcams privater Laptops Fotos von dem Zuhause völlig Unverdächtiger gemacht und gespeichert, was zweifellos zu den größten Eingriffen in die Privatsphäre gehört, die ich mir vorstellen kann. Doch angesichts der Millionen Smartphones, deren Kameras viel mehr über die Besitzer verraten könnten, allein aufgrund der wechselnden Standorte – die aber munter zum Fotografieren / für Selfieshoots genutzt werden und deshalb unabgeklebt bleiben – ist die Notebook-Webcam doch eine ziemlich informationsarme Überwachungsquelle, oder? (Die Kameras von Smart-TVs, die ja auch schon gehackt wurden, demnach auch.)

Aktion auf www.gutjahr.biz zur re:publica 2016

Aktion auf www.gutjahr.biz zur re:publica 2016

Eine Aktion von Richard Gutjahr, eines von mir ansonsten hochgeschätzten Journalisten, hat die ganze Abdeckerei nun ins Absurde getrieben – trotz der Einbeziehung von Handykameras. Zur Re:publica hat er 12 Kilo Abdeckungen für Webcams oder eben Smartphones produzieren lassen, um sie an seine Follower zu verschenken.
In einem Blogeintrag schrieb er:

Schickt einfach eine Mail oder einen Snap mit Eurer Post-Adresse oder abonniert meinen Newsletter. Die ersten 100 Einsendungen oder Neu-Abonnenten erhalten jew. ein Heft mit 2 Webcam-Stickern per Post (das Porto übernehme ich).

Klingelt’s da?
Gutjahrs Freundinnen und Freunde bekommen eine Kameraabdeckung samt einer Postkarte mit der Aufschrift „Your Privacy has been deleted“, wenn sie ihre Postadresse über Email oder Snapchatalso sehr unsichere – Dienste übermitteln!
Paradox, oder?

  • Eine Email wird (wenn Sie nicht mit PGP verschlüsselt ist, was noch immer ziemlich kompliziert ist) in Klartext übertragen und z. T. sogar auf Inhalte gescannt – z. B. von Google, aber auch von den deutschen und US-Geheimdiensten.
    Damit ist sie ungefähr so sicher wie eine Postkarte.
  • Snapchat speichert diverse Daten des Absenders zu nicht genau erklärten Zwecken. Zudem ist die App nicht vor Hackern sicher.
  • Zuguterletzt gehört der Brief zum wohl unsichersten Kommunikationsmedium unserer Zeit. Nicht nur, weil täglich zigtausende Briefe verloren gehen (2004 schätzten Verbraucherschützer die Zahl auf 70.000) oder weil Briefsendungen gescannt werden und damit theoretisch hackbar sind – Das Scannen geschieht auf Wunsch des Kunden, internationale Post wird aber auch ohne dieses Einverständnis stichprobenartig gescannt („Mail Sampling Unit„, siehe Datenschutzbericht Peter Schaar, 2010-2011, ab S.183). Vor allem sind Briefe unsicher, weil der Briefinhalt nicht verschlüsselt ist, durch viele Hände geht und lange mehr oder weniger unbewacht herumliegt (Postschalter, Absendebriefkasten, Zustellfahrzeug, Zielbriefkasten).

Klar gibt es viele, die ihre Postadresse für nicht schützenswürdig halten. Aber zusammen mit den Metadaten, die zwangsläufig in einer Email mitgeschickt werden (eine tolle Demonstration hier) lässt sich viel über den Absender erfahren.Und Snapchat fällt als datenschutzsensibler Transportweg ohnehin weg.

Was bringt eine Aktion wie die von Richard Gutjahr also? PR-Punkte sicherlich, die ich dem Initiator der Aktion vollstens gönne – aber auch ein verzerrtes Bild der Datenschutz-Prioritäten. Immerhin wird der Fokus auf eine, sehr spezielle Datenschutzmaßnahme gelegt, während unsichere Kommunikationswege unkommentiert in die Aktion miteinbezogen werden.
Angesprochen auf diese Inkonsequenz bot mir Richard Gutjahr immerhin eine Alternative an, die ich schmunzelnd zur Kenntnis genommen habe:

Vielleicht findet er für eine sachliche Auseinandersetung mit meinen Argumenten den Weg auf diesen Blog.