Google, Tank und Dieselgestank – Dem Datengiganten mündig begegnen

Gab Pili / unsplash.com

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„Haben Sie eine Paybackkarte?“ – „Nein.“ – „Möchten Sie eine haben?“ – „Nein, Danke“. Nun, dachte ich, würde es der junge Tankwart gut sein lassen und mir meine EC-Karte wiedergeben. Falsch gedacht. Er winkte mit einem Aktions-Flyer und sagte was von „nur fünf Euro“. So gern ich normalerweise über Datenschutz spreche – heute Nachmittag hatte ich keine Lust dazu. Meine Hände stanken nach Diesel, weil ich wieder mal zu bequem gewesen war, beim Tanken diese ulkigen Einmalhandschuhe anzuziehen. Aber er hatte mich gefragt. Also begründete ich mein erneutes „Nein Danke“ jetzt mit einem „von wegen Datenschutz und so“. „Ach ja, das ist wichtig“, stimmte er mir zu.

„Aber da können wir uns ja sowieso nicht schützen.
Zum Beispiel vor Google“.

Jetzt hatte er mich erwischt. Bei soch einer These kann ich ja nicht anders, als die Wehrloses-Opfer-Masche mit jeder Menge Argumente für gleichsam einfache und effektive Datenschutz-Maßnahmen zu bekämpfen. Doch da entdeckte ich die Schlange hinter mir. Also sagte ich nur „Na, es gibt doch Alternativen zu Google-Diensten“ und verließ mit stinkenden Händen die Tankstelle.

Auf der Rückfahrt überlegte ich, wie unabhängig ich eigentlich selbst vom Internetgigangen aus Mountain View bin. Nicht völlig, muss ich sagen, und das sogar guten Gewissens. Denn wegen der weitgehenden Privatsphäre-Optionen, die Google mit dem Privatsphärecheck eingeführt hat und über die ich hier bereits schrieb, ist ein totaler Google-Boykott nicht nötig, um das Gleichgewicht zwischen informationeller Selbstbestimmtheit und Internetkomfort zu halten. Der Check lässt beispielsweise ein völliges Abschalten der Suchhistorie zu. So macht man die Filterblase, die Google gern um einen herum spinnt, kleiner. Auch der Standortverlauf, personalisierte Werbung oder die Verknüpfung meines Profils mit der eigenen Telefonnummer lässt sich deaktivieren, wenn man sich einmal durch die Menüs wurschtelt – und, freilich, Google vertraut, dass das Unternehmen die Wahl der Nutzer nicht einfach übergeht.
Auf Googlemail, Googles Adressbuch und den Google Kalender verzichte ich gern – und enthalte dem Unternehmen damit wesentliche Informationen über meinen Bekanntenkreis und Tagesablauf vor. Dennoch nutze ich auch meinem Smartphone eine Email-App und verwalte Kontakte und Termine genauso wie über Googles Standarddienste.
Ich nutze ein Androidhandy – also ein Smartphone mit dem Betriebssystem, das maßgeblich von Google entwickelt wurde – das allerdings nur deshalb, weil es dank Root-Zugriff und Xprivacy-Modul individueller gegen Datenmissbrauch zu schützen ist als Apples Iphones. Und nicht maßlos überteuert ist.

Auf Googlemail verzichte ich, wie gesagt, völlig. Man kann unter google.com/account sein ganzes Googlemail-Konto löschen und zur Registrierung eines Android-Smartphones eine Mailadresse bei einem anderen Provider nutzen. So läuft man auch nicht Gefahr, einen neuen Kontakt oder Termin, den man im Smartphone eingibt, aus Versehen bei Google zu speichern. Mein Mailpostfach liegt seit Jahren bei Mailbox.org, einem Provider, der nachweislich äußerst datensensibel ist und über den ich schon berichtet habe. Bei Mailbox.org liegen auch meine Kontakte und mein privater Kalender – und sind, wie gesagt, ohne jegliche Bequemlichkeitsverluste über mein Smartphone zugreifbar. Mein Online-Notizbuch und mein Cloudspeicher schließlich liegt in einer verschlüsselten Owncloud-Instanz, die ich selbst aufgesetzt habe und pflege, anstatt Google Drive oder Google Fotos meine Daten anzuvertrauen.

Zuguterletzt werden meine eingehenden Emails noch mit PGP verschlüsselt und der Speicher meines Smartphones ist es ebenfalls – auch das ohne Komfort- oder spürbaren Geschwindigkeitsverlust.
Achso: Für die Analyse der Besucher auf meinen Blogs habe ich mich im vergangenen Jahr gegen Google Analytics und für das datensparsame Piwik entschieden.

Die einzigen Google-Dienste, die ich nutze, sind die Suchmaschine, Youtube, Google Maps und der Play Store. Die ersten beiden Services legen aber aber, wie oben beschrieben, keine Suchhistorie an (wobei Google selbstverständlich die Nutzung registriert. Es speichert sie halt nur nicht). Google Maps ist nicht mit meinem Google-Konto verknüpft und erhält nur dann Standortzugriff, wenn ich die App aktiv nutze (Xprivacy sei Dank). Zum Play Store gibt es leider keine komfortverlustfreie Alternative, dafür ist die App-Plattform zu sehr in das Android-Betriebssystem eingebaut. Doch immerhin werden die Berechtigungen der herunter gelandenen Apps werden durch Xprivacy im Zaum gehalten.

Ist Google also solch ein großer Datensammler, dass Payback das kleinere Übel ist? Nein, lieber Tankwart. Falls du das liest: Davor, was die Händler im Paybacksystem mit meinen Daten machen, kann ich mich nicht schützen. Vor Googles Datenzugriff schon.
So wie vor Dieselhänden.
Wenn man denn die blöden Handschuhe anzieht.

Von der Freiheit abseits zu stehen.

FDJ Plakat, aufgenommen in der Gedenkstätte Bautzner Straße Dresden von Heinz-Josef Lücking.

Letzten Monat habe ich einen Workshop vor Eltern gehalten. Thema waren Apps, die bei Jugendlichen populär sind, also Whatsapp, Instagram, Facebook und Snapchat. Es ging um deren Bedeutung im Alltag junger Menschen und um deren Risiken im Blick auf Datensouveränität und Privatsphäreschutz. Nach meinem Impuls kam ein gutes Gespräch über die Medienkompetenz von Erwachsenen und deren Rolle in der Vermittlung von Medienkompetenz an Jugendliche zustande.
Bis ein Troll erwachte.
Er hätte das alles schon Tausendmal gehört, sagte er vorwurfsvoll, nicht mit so vielen Details, aber grundsätzlich hätte er das alles schon tausendfach gehört. Warum ihm niemand sagen könne, was man denn tun könne, fragte er lauter. Niemand würde mal ganz klar sagen, was die Alternativen seien. Einige der Anwesenden schüttelten vor Unverständnis den Kopf, doch er redete sich in Rage. Er hätte das alles schon Tausendmal gehört, wiederholte er, spürbar erregt.
Es ginge nunmal nicht – ohne Whatsapp.

Es geht nicht ohne Whatsapp?
Hatte ich nicht gerade mehrere Alternativen genannt, die die Privatsphäre ihrer Nutzer ernst nehmen?
Nein. Er sei im Sportverein aktiv, erklärte der Mann aus der letzten Reihe, immer noch erregt. Da würden alle Whatsapp nutzen. Er könnte mit seinen Leuten nicht kommunizieren, wenn er als einziger kein Whatsapp hätte. Es gäbe einfach keine Alternative. Und keiner könne ihm sagen undsoweiter…

Du darfst nicht abseits stehen?

Ich versuchte dem erzürnten Vater meine Sicht der Dinge darzulegen. Und weil mich sein Rant auch Wochen nach der Veranstaltung immer noch nicht loslässt, möchte ich das auch hier noch einmal machen – etwas ausführlicher, etwas durchdachter freilich, als ich das in der Erschütterung über den unerwarteten Wutausbruch tat.

Wir leben in einem Land, das für die Freiheit, die den Menschen hier gegeben ist, schwere Opfer bringen musste. Zu dieser Freiheit gehört die freie Meinungsäußerung und die Freiheit der Presse. Für diese Freiheit sind im vergangenen Jahrhundert viele Menschen in den Tod gegangen. Für diese Freiheit haben hunderttausende Menschen aus unfreien Ländern große Gefahren auf sich genommen und tun das noch heute, um in dieses freie Land zu gelangen. Zu dieser Freiheit gehört die Kontrolle über seine eigenen persönlichen Daten, für die viele Menschen und auch ich in diesem Blog kämpfen. Und zu dieser Freiheit gehört auch, so banal es klingen mag, die Wahl des Messengers.
Wenn der Preis für den Verzicht auf den einen populären, aber gefährlichen Messenger die erschwerte Kommunikation ist, dann ist das eine schwere Entscheidung, und ich weiß, wovon ich rede – aber eine freie.
Ich denke, die meisten Jugendlichen sind zu dieser Abwägung nicht in der Lage, aber wir Erwachsenen sind es.

Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem es nur einen Messenger gibt – womöglich einen, der mit meinen Texten, Bildern und Videos so umgeht wie Whatsapp. Ich bin froh, dass die Zeit vorbei ist, indem man in die FDJ muss, um studieren zu können. In die Hitlerjugend, um Schulgeldermäßigungen zu erhalten. Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem jeder Sportverein den gleichen Messenger nutzt und jeder, der Mitglied werden will, sich die App erst installieren muss, egal, ob er will, oder nicht.
In dem die Nutzung einer App alternativlos ist.

Nichts ist alternativlos. Das ist Freiheit. Und ohne Freiheit keine Menschenwürde. Und ohne Menschenwürde kein lebenswertes Leben.

Ist die Sprengung eines Workshops alternativlos? Auf jeden Fall entschuldigte sich der gute Mann hinterher bei mir.