Snapchat: Gesegnete Selbstdarstellung

Ich halte Snapchat für gefährlich, und zwar aus mehreren Gründen:

  1. Durch die vermeintlich zeitlich begrenzte Sichtbarkeit der Fotos und Videos suggeriert es Anonymität, die zu leichtsinnigen (freizügigen/rechtlich bedenklichen) Aufnahmen führen kann. Die Inhalte werden nach dem Ansehen aber nicht physikalisch vom Empfänger-Handy gelöscht.
  2. Jedermann kann ein empfangenes Foto per Tastendruck oder App abfotografieren und zu anderen Zwecken nutzen.
  3. Alle Inhalte dürfen von Snapchat und seinen Partnern verwendet, verändert und verändert werden.
  4. Die unverschlüsselte Speicherung der Daten auf US-Servern ermöglicht einen direkten Zugriff des Kommunikations-Geheimdienstes NSA.

5. Das aus meiner Sicht gravierenste Argument gegen Snapchat ist, dass die App die Selbstdarstellung fördert wie keine andere. Standardmäßig ist die Frontkamera des Smartphones aktiviert. Sie ermuntert den Nutzer gleich zu beginn dazu, ein Bild oder Video von sich zu machen und es anderen zu schicken. Neue Kontakte lassen sich über diverse Wege (Adressbuch, Umkreissuche, Snapcode / QR-Code) hinzufügen.

Gerade jungen Menschen, die in körperlichen, geistigen und seelischen Veränderungen stecken, kann die dauernde Inszenierung des eigenen Lebens und der dauernde Konsum anderer inszenierter Leben ein falsches Bild von „Normalität“ vermitteln. Das wahre Leben wird auf Snapchat nämlich nicht dargestellt. Was wäre, wenn Snapchat das echte, authentische Leben abbilden würde? Nasepopeln auf dem Klo, Langeweile in der Schule, Dösen im Bus, Stundenlanges Wischen auf dem Handy?
Doch den Alltag, der aus Gewohnheiten, Normalitäten und Banalitäten besteht, sieht man hier nicht. Snapchat fordert geile Gesichter und krasse Körper in extremen Situationen. Und wenn ich etwas schicken will, obwohl es nichts zu schicken gibt, sorgen bunte Filter und ein flotter Kommentar sorgen für das nötige Make-Up.

Das Impulspapier „Virtualität und Inszenierung“ der Deutschen Bischofskonferenz hat 2011 die durch digitale Medien geförderte Inszenierung auf den Punkt gebracht:

Bilder sind oftmals nun die „performance“ einer Realität, die es ohne sie nicht gibt.

… und an anderer Stelle:

Authentisches Handeln, zu anderen und zu sich selbst stehen zu können, ist unabdingbar in dem Bemühen, menschliches Leben gelingen zu lassen.

Quelle: Bistum Münster

Quelle: Bistum Münster

Angesichts der detaillierten Situationsanalyse und fundierten Kritik der Bischöfe an unbedachter Inszenierung im Netz ist es umso erstaunlicher, dass Teile der Kirche offenbar unbedacht mit dem Medium Snapchat umgehen.
Das Bistum Münster hat Fünft- und Zehntklässlern 2016 eine Postkarte mit einer Gruß von Bischof Felix Genn zugestellt, die einen Verweis auf den neuen Snapchat-Kanal der Diözese enthielt. Als ich davon erfuhr, traute ich meinen Ohren nicht, immerhin hat das Bistum eine der modernsten und qualifiziertesten Kommunikationsabteilungen überhaupt. Doch hier ist etwas schief gelaufen.
Den Snapchat-Bischof können freilich nur diejenigen sehen, die Snapchat haben.
Und das sollten Fünftklässler ganz sicher nicht.
Zum einen liegt das Mindestalter zur Snapchatnutzung bei 13 Jahren. Alle Missbräuche sind so zwangsläufig von den Eltern zu verantworten, weil Snapchat auf die unrechtmäßige Nutzung gemäß ihrer AGB verweisen kann:

Personen unter 13 Jahren dürfen weder einen Account eröffnen noch die Services nutzen.

Ich halte den Verweis auf den Bischofskanal bei Snapchat aber vor allem deshalb für gefährlich, weil 10jährige (Fünftklässler) noch weniger als 13-, 14- oder 15jährige in der Lage sind von den Selbstdarstellungen, Übertreibungen und Narzissmen, die in Snapchat auf sie einprasseln, zu abstrahieren. Können Kinder und Jugendliche hinter dem Chatpartner mit seinen crazy Effekten und lustigen Sprüchen die authentische Person, die ungeschminkte Persönlichkeit, das echte Leben in all seiner Normalheit und Langeweile, aber Echtheit, entdecken?
Jesus hätte gewiss kein Snapchat benutzt, dafür war er zu real.

Von Facebook weiß man, dass der Vergleich mit anderen Lebenssituationen (die dort ebenfalls oft besonders toll, besonders ärgerlich oder besonders traurig – auf jeden Fall immer extrem sind) bei den Nutzern zu Depressionen führen kann. Bei Snapchat besteht neben dieser vor allem die Gefahr einer verzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit. Kinder und Jugendliche davor zu bewahren – und den kritisch-wohlwollenden Dialog über Jugend-Apps mit ihnen zu suchen – ist Aufgabe der Eltern, der Schule und der Kirche.

Dass Kirche neue Wege der Glaubenskommunikation geht, ist richtig und wichtig, aber nicht, wenn er in den Nebel führt.

[EDIT 9.4., 13:34 Uhr: Link zum DBK-Papier eingefügt]
[EDIT 9.4., 15:14 Uhr: Korrektur Inhalt Facebook-Studie. Danke, Jesaja Michael Wiegard!]
[EDIT 18.4., 22:00 Uhr: Über diesen Artikel wurde in der Facebookgruppe „Kirche und Social Media“ lebendig und kontrovers diskutiert. Ich danke allen Beteiligten für das Feedback, das mir einige alternative Blickweisen auf das Thema Snapchat eröffnet hat, auch wenn wir in der grundsätzlichen Einschätzung der App nicht übereingenommen sind. Viele Kommentare bezogen sich vor allem darauf, dass meine Kritik grundsätzlich für alle sozialen Netzwerke gelten müsse. Auch Thomas Mollen, Leiter der Digitalen Kommunikation im Bistum Münster, widersprach meinen Thesen in vielen Punkten.
In seinem Kommentar hat er u.a. darauf hingewiesen, dass in der diesjährigen Bischofspost an die Fünftklässler kein Hinweis auf Snapchat mehr enthalten ist. Die Altersbeschränkung im vergangenen Jahr übersehen zu haben bezeichnet er als Fehler.]

Sol-Daten auf dem Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts

Brennende Ölquelle im Irak, 2003. Foto: Arlo K. Abrahamson, US Navy

Daten sind das neue Öl, heißt es.
Wie viele Kriege wurden bereits um Öl geführt?
Wie viele Menschen werden in Kriegen um das neue Öl sterben?

Ich habe mich in einem Blogartikel aus 2015 mit dem Cyberkrieg beschäftigt. In drei Thesen habe ich versucht aufzuzeigen, welche Macht von Daten ausgeht, die von außerhalb kontrolliert werden können.

Ein äußerst lesenswerter Artikel in der WELT zeigt auf, wie real diese Gefahr ist. Dabei geht es nicht, wie in meinem Essay, um die Kontrolle einzelner aufgrund unbedachter Datenweitergabe oder der Ausspähung einzelnder über Geheimdienste. Es geht um die gezielte Ausspähung und Manipulation von Staaten durch Staaten – und die weltweiten Datenströme als „Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts“.

Ich empfehle den Artikel von Marc Neller und Florian Feller unbedingt zu lesen.

Staatlich finanzierter Einbruch

Der BND will im Namen der Sicherheit Unsicherheit stiften – so kommentiert Markus Beckedahl auf Netzpolitik.org den Geldsegen, die die Bundestagsabgeordneten dem Geheimdienst verschafft haben. 150 Mio. Euro sollen geleakten Papieren zufolge dafür eingesetzt werden, um im Projekt ANISKI Verschlüsselungsroutinen in Messengern zu knacken. Zitat:

Die Nutzung von Kommunikationsdiensten (z. B. Messenger-Diensten) ist weltweit stark verbreitet und findet, wie nicht nur Erkenntnisse über den „Islamischen Staat“ belegen, auch im Bereich des Terrorismus und der Organisierten Kriminalität hohen Anklang. Insbesondere im Rahmen der illegalen Migration ist deren Nutzung für u. a. Schleuser und Hintermänner zur Koordination der Aktivitäten von großer Bedeutung.

Wurden früher Verschlüsselungstechniken hauptsächlich von nachrichtendienstlich relevanten Nutzern (z. B. hoheitliche Verkehre, Terroristen) eingesetzt, so ist sie inzwischen standardmäßig in die meisten Kommunikationsdienste (z. B. WhatsApp) integriert. Die Identifizierung nachrichtendienstlich relevanter Nutzer und die inhaltliche Erschließung der zugehörigen Kommunikation sind dadurch stark beeinträchtigt. Erschwerend kommt hinzu, dass die Kommunikationsdienste in großen Teilen auf proprietäre Übertragungs- und Verschlüsselungsprotokolle zurückgreifen.

Dies hat zur Folge, dass der BND von aktuell weit über 70 verfügbaren Kommunikationsdiensten mit entsprechender Verbreitung nur weniger als zehn (zumeist ältere) erfassen und inhaltlich erschließen kann.

An anderer Stelle heißt es:

Die Finanzmittel des Projektes ANISKI dienen der Entwicklung von Analyse- und Bearbeitungs-Software in den Bereichen der Metadatenanalyse und der Krypto-Zielentwicklung. Zusätzlich soll eine Analysefähigkeit (Hard- und Software) für eingesetzte Protokolle und Geräte aufgebaut werden, welche die Möglichkeit eröffnet, in diesen das Auftreten nachrichtendienstlich relevanter Daten zu detektieren bzw. Schwachstellen in der Implementierung aufzudecken und somit letztendlich eine Inhaltserschließung zu erlauben

Laut einer Auswertung der Papiere durch Netzpolitik.org will der Dienst auch „offensive IT-Operationen durchführen“ – also Rechner knacken, um an die Schlüssel für die Kommunikation herum zu kommen.

Als Grund für die Anstrengungen nennt der BND Terroristen, Kriminelle und Schleuser zu schnappen. Und richtig: In engen Grenzen – vor allem: nach einem richterlichem Beschluss – muss es Behörden möglich sein, Verdächtige mit den zur Verfügung stehenden Mitteln zu überwachen. Ich schrieb dazu schon einmal etwas. Doch ohne deren Wissen die privaten Gespräche von Millionen von Nutzern mitzulesen und auszuwerten beschneidet deren kommunikative Freiheit, die ein Eckpfeiler unserer Demokratie ist. Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem private Nachrichten an meine Familie oder Freunde, Geheimnisse, Intimitäten, politische Bekenntnisse und Zugangsdaten zu Onlinekonten von einer Behörde mitgelesen und ausgewertet werden, die ich mit meinen Steuern mitfinanziere.
Was der BND vorhat, ist, wenn man so will: versuchter Einbruch.

Ich habe mich wg. des BND-Gesetzes wg. einer Stellungnahme an meine beiden Bundestagsabgeordneten gewendet. Sobald beide geantwortet haben, veröffentliche ich die Antworten hier.