Trojanische Pferde: Missbrauch im Bauch

Im vorherigen Artikel habe ich erklärt, warum ich den von der Großen Koalition abgesegneten Staatstrojaner ablehne. Hier will ich zwei Gefahren benennen, die beim Missbrauch des Trojaners drohen:

  1. Trojaner ermöglichen Manipulation. Internetanwendungen Smartphones prägen unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit. Was wir von der Welt wissen und wie wir Ereignisse einordnen, erfahren wir in zunehmendem Maße über Apps – Messenger, Soziale Netzwerke, News-Apps – und Internetseiten. Die Vollüberwachung, die eine Software wie der Staatstrojaner ermöglicht, ermöglicht auch Manipulation. Denn statt Inhalte einfach nur aus dem Smartphone auszulesen kann ein Trojaner auch Inhalte hineinschreiben. Das im Sinn zu haben werfe ich weder den Politikern noch den Ermittlern vor, die nun den Staatstrojaner gefordert und installiert haben. Doch die Möglichkeit sollte ihnen und uns bewusst sein. Immerhin tut der britische Nachrichtendienst GCHQ genau dies bereits, in dem er Internetseiten faked – und zwar ebenfalls nicht nur zur Terrorabwehr.
  2. Trojaner bedrohen die Menschenrechte. Das aus Ermittlersicht Positive am Staatstrojaner, dass nämlich private Meinungsäußerungen abgefangen und ausgewertet werden, kann Menschen in ernste Gefahr bringen. Der Trojaner „Finfisher“ der der deutschen-britischen Firma Gamma wurde 2012 bei Demokratie-Aktivisten in Bahrain gefunden (Link / Link). Auch das Bundesinnenministerium setzt eine Softwarelösung von Gamma ein – in welchem Maße, und in welcher Beziehung zum Staatstrojaner, ist unklar. Auch hier gehe ich davon aus, dass niemand mit dem Staatstrojaner missliebige Personen diskreditieren oder mundtot machen will. Doch es geht.

Um mögliche Gefahren wie diese zu diskutieren, hätte es einen breiten Austausch zum Staatstrojaner gebraucht, ein ehrliches Gesetzgebungsverfahren und die Expertise von IT-Fachleuten, Menschenrechtsorganisationen und Staatsrechtlern. Traurig, dass der von der Regierungskoalition angewandte Verfahrenstrick das verhindert hat.

Snapchat: Gesegnete Selbstdarstellung

Ich halte Snapchat für gefährlich, und zwar aus mehreren Gründen:

  1. Durch die vermeintlich zeitlich begrenzte Sichtbarkeit der Fotos und Videos suggeriert es Anonymität, die zu leichtsinnigen (freizügigen/rechtlich bedenklichen) Aufnahmen führen kann. Die Inhalte werden nach dem Ansehen aber nicht physikalisch vom Empfänger-Handy gelöscht.
  2. Jedermann kann ein empfangenes Foto per Tastendruck oder App abfotografieren und zu anderen Zwecken nutzen.
  3. Alle Inhalte dürfen von Snapchat und seinen Partnern verwendet, verändert und verändert werden.
  4. Die unverschlüsselte Speicherung der Daten auf US-Servern ermöglicht einen direkten Zugriff des Kommunikations-Geheimdienstes NSA.

5. Das aus meiner Sicht gravierenste Argument gegen Snapchat ist, dass die App die Selbstdarstellung fördert wie keine andere. Standardmäßig ist die Frontkamera des Smartphones aktiviert. Sie ermuntert den Nutzer gleich zu beginn dazu, ein Bild oder Video von sich zu machen und es anderen zu schicken. Neue Kontakte lassen sich über diverse Wege (Adressbuch, Umkreissuche, Snapcode / QR-Code) hinzufügen.

Gerade jungen Menschen, die in körperlichen, geistigen und seelischen Veränderungen stecken, kann die dauernde Inszenierung des eigenen Lebens und der dauernde Konsum anderer inszenierter Leben ein falsches Bild von „Normalität“ vermitteln. Das wahre Leben wird auf Snapchat nämlich nicht dargestellt. Was wäre, wenn Snapchat das echte, authentische Leben abbilden würde? Nasepopeln auf dem Klo, Langeweile in der Schule, Dösen im Bus, Stundenlanges Wischen auf dem Handy?
Doch den Alltag, der aus Gewohnheiten, Normalitäten und Banalitäten besteht, sieht man hier nicht. Snapchat fordert geile Gesichter und krasse Körper in extremen Situationen. Und wenn ich etwas schicken will, obwohl es nichts zu schicken gibt, sorgen bunte Filter und ein flotter Kommentar sorgen für das nötige Make-Up.

Das Impulspapier „Virtualität und Inszenierung“ der Deutschen Bischofskonferenz hat 2011 die durch digitale Medien geförderte Inszenierung auf den Punkt gebracht:

Bilder sind oftmals nun die „performance“ einer Realität, die es ohne sie nicht gibt.

… und an anderer Stelle:

Authentisches Handeln, zu anderen und zu sich selbst stehen zu können, ist unabdingbar in dem Bemühen, menschliches Leben gelingen zu lassen.

Quelle: Bistum Münster

Quelle: Bistum Münster

Angesichts der detaillierten Situationsanalyse und fundierten Kritik der Bischöfe an unbedachter Inszenierung im Netz ist es umso erstaunlicher, dass Teile der Kirche offenbar unbedacht mit dem Medium Snapchat umgehen.
Das Bistum Münster hat Fünft- und Zehntklässlern 2016 eine Postkarte mit einer Gruß von Bischof Felix Genn zugestellt, die einen Verweis auf den neuen Snapchat-Kanal der Diözese enthielt. Als ich davon erfuhr, traute ich meinen Ohren nicht, immerhin hat das Bistum eine der modernsten und qualifiziertesten Kommunikationsabteilungen überhaupt. Doch hier ist etwas schief gelaufen.
Den Snapchat-Bischof können freilich nur diejenigen sehen, die Snapchat haben.
Und das sollten Fünftklässler ganz sicher nicht.
Zum einen liegt das Mindestalter zur Snapchatnutzung bei 13 Jahren. Alle Missbräuche sind so zwangsläufig von den Eltern zu verantworten, weil Snapchat auf die unrechtmäßige Nutzung gemäß ihrer AGB verweisen kann:

Personen unter 13 Jahren dürfen weder einen Account eröffnen noch die Services nutzen.

Ich halte den Verweis auf den Bischofskanal bei Snapchat aber vor allem deshalb für gefährlich, weil 10jährige (Fünftklässler) noch weniger als 13-, 14- oder 15jährige in der Lage sind von den Selbstdarstellungen, Übertreibungen und Narzissmen, die in Snapchat auf sie einprasseln, zu abstrahieren. Können Kinder und Jugendliche hinter dem Chatpartner mit seinen crazy Effekten und lustigen Sprüchen die authentische Person, die ungeschminkte Persönlichkeit, das echte Leben in all seiner Normalheit und Langeweile, aber Echtheit, entdecken?
Jesus hätte gewiss kein Snapchat benutzt, dafür war er zu real.

Von Facebook weiß man, dass der Vergleich mit anderen Lebenssituationen (die dort ebenfalls oft besonders toll, besonders ärgerlich oder besonders traurig – auf jeden Fall immer extrem sind) bei den Nutzern zu Depressionen führen kann. Bei Snapchat besteht neben dieser vor allem die Gefahr einer verzerrten Wahrnehmung der Wirklichkeit. Kinder und Jugendliche davor zu bewahren – und den kritisch-wohlwollenden Dialog über Jugend-Apps mit ihnen zu suchen – ist Aufgabe der Eltern, der Schule und der Kirche.

Dass Kirche neue Wege der Glaubenskommunikation geht, ist richtig und wichtig, aber nicht, wenn er in den Nebel führt.

[EDIT 9.4., 13:34 Uhr: Link zum DBK-Papier eingefügt]
[EDIT 9.4., 15:14 Uhr: Korrektur Inhalt Facebook-Studie. Danke, Jesaja Michael Wiegard!]
[EDIT 18.4., 22:00 Uhr: Über diesen Artikel wurde in der Facebookgruppe „Kirche und Social Media“ lebendig und kontrovers diskutiert. Ich danke allen Beteiligten für das Feedback, das mir einige alternative Blickweisen auf das Thema Snapchat eröffnet hat, auch wenn wir in der grundsätzlichen Einschätzung der App nicht übereingenommen sind. Viele Kommentare bezogen sich vor allem darauf, dass meine Kritik grundsätzlich für alle sozialen Netzwerke gelten müsse. Auch Thomas Mollen, Leiter der Digitalen Kommunikation im Bistum Münster, widersprach meinen Thesen in vielen Punkten.
In seinem Kommentar hat er u.a. darauf hingewiesen, dass in der diesjährigen Bischofspost an die Fünftklässler kein Hinweis auf Snapchat mehr enthalten ist. Die Altersbeschränkung im vergangenen Jahr übersehen zu haben bezeichnet er als Fehler.]

Sol-Daten auf dem Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts

Brennende Ölquelle im Irak, 2003. Foto: Arlo K. Abrahamson, US Navy

Daten sind das neue Öl, heißt es.
Wie viele Kriege wurden bereits um Öl geführt?
Wie viele Menschen werden in Kriegen um das neue Öl sterben?

Ich habe mich in einem Blogartikel aus 2015 mit dem Cyberkrieg beschäftigt. In drei Thesen habe ich versucht aufzuzeigen, welche Macht von Daten ausgeht, die von außerhalb kontrolliert werden können.

Ein äußerst lesenswerter Artikel in der WELT zeigt auf, wie real diese Gefahr ist. Dabei geht es nicht, wie in meinem Essay, um die Kontrolle einzelner aufgrund unbedachter Datenweitergabe oder der Ausspähung einzelnder über Geheimdienste. Es geht um die gezielte Ausspähung und Manipulation von Staaten durch Staaten – und die weltweiten Datenströme als „Schlachtfeld des 21. Jahrhunderts“.

Ich empfehle den Artikel von Marc Neller und Florian Feller unbedingt zu lesen.